Promenadologische Feldforschung

Mit Frau Gabrielli durch Marchtrenk

Eine promenadologische Bestandsaufnahme von Reliqiuen eines oberösterreichischen Ortes in 30 Minuten.

Marchtrenk lebt. Marchtrenk lebt im Hausruckviertel. Man sagt geografisch genauer, in der Welser Heide. Trocken ist es gerade. Der Boden kiesig, lehmig und er speichert sozusagen nahezu kein Wasser. Nicht mal für Wein genügt es hier. Zumindest nicht für den Anbau.

Marchtrenk gewann 2016 den österreichischen Gemeindepreis, weil eben in Marchtrenk der Mensch noch in der Mitte steht. Im Mittelpunkt steht er und das bestätigt die sozialdemokratische Gemeindepolitik. Die Gemeinde kommuniziert mit den MitbürgerInnen über moderne Kommunikationswege, über Newsletter, Facebook, über ein attraktives Stadtmagazin und in regelmäßig abgehaltenen, dialogischen Stadtgesprächen, sehr bürgernah.

Paul Mahr, Bürgermeister ab 2013 erklärt: „Marchtrenk steht durch meine Person für ehrliche und authentische BürgerInnennähe und rasche und gerechte Entscheidungen mit sozialem Denken. Diesen erfolgreichen Weg wollen wir mit den Marchtrenkern und MarchtrenkerInnen gemeinsam weitergehen“. Schöne Aussichten auf eine ehrliche Zukunft für die BürgerInnen in Marchtrenk.

Wenn man durch Marchtrenk schlendert und den überaus sehr langgezogenen Stadtkern erkunden möchte, nimmt diese Tätigkeit etwa 30 Minuten in Anspruch. Wenn man langsam geht und das pro Straßenseite. Was wir mit den BürgerInnen erlebt haben lässt sich weniger durch Fotografieren belegen, besser aber nacherzählen.

Jedenfalls, die Beisl- und Kaffeehaus-Kultur lebt hier noch und wird hochgehalten. Ein Reisender trinkt sein zweites Viertel-Weiss-Gschpritzten und erledigt dabei seine Korrespondenz, laut telefonierend und Notizen machend und beklagt sich über die Unzahl an gefahrenen Kilometern seiner bisherigen Arbeitswoche. Eine Ehegattin hat er, aber er sieht sie eher selten, erklärt er.

Die drei Damen im kühlen Garten im Hinterhof eines der drei Machtrenker Kaffeehäuser erzählen über die Schulen in Marchtrenk. Alle drei sind pensionierte Lehrerinnen und raten mir, den Schulbetrieb sofort aufzugeben, wenn er keinen Spass mehr macht. Wegen der Burn-Out-Gefahr. Weiter zu machen, wenn es einem nicht mehr gefällt, daran zerbräche man, erklärte mir eine der Damen.

Das Schönste an Marchtrenk für mich ist die latente Anwesenheit von Kaugummiautomaten. Diese Art von Automaten, so kommt es mir vor, verschwinden mehr und mehr. Es scheint, nur in Marchtrenk haben diese sich als nichtbeachtete oder gedultete Lebensform von Automaten eine Daseins-Niesche gesichert. Sie werden auch bedient, von jungen SchülernInnen an der Bushaltestelle oder beim Fahrradparkplatz. So etwas macht mich glücklich und beschwört die Erinnerung an die Schätze herauf, welche ich in meiner Jugend mit einem Schilling ergattern konnte. Später dann mit einem Fünf-Schilling-Stück.

Marchtrenk ist schön, aufgeräumt, sauber, gepflegt und entschleunigt. Hier ticken die Uhren etwas anders. Man trifft sich beim Wirten, im Beisl, im Kaffee und wenn verabredete GesprächspartnerInnen eine halbe Stunde zu spät kommen, macht das auch nichts. Es gibt ja das „Warte-Viertl“ oder den sogenannten „Buagamoasta“, ein Gemisch aus Weisswein und Spritzwasser, welches das Warten von einem Phänomen zu einer Idee stilisiert.

Ich vermute, daß in Marchtrenk nicht eine bestimmte Uhrzeit für ein Treffen ausgemacht wird, sondern eher Zeitbegriffe wie „am Vormittag“ oder „mittags“ oder „auf d´nocht“ gebräuchlich sind. Schön und unvergesslich war es, bei Herwig zu sein und ihn zu fragen, ob er uns seine wirkliche hausgemachte Kost im „Warmhalter“ bis drei Uhr nachmittags konservieren möchte.

Und es war köstlich! Gefüllte Paprikas, am nächsten Tag ein Schmorhend´l in Wein und Tomaten und Kräuter gegart, man könnte dort die Zeit vergessen.

Zeitlos in Marchtrenk.

Hansjörg Kapeller